Auf den ersten Blick wirkt er wie ein ganz normaler Friedhof. Doch zwischen den Gräbern des St. Matthäus-Kirchhofs in Berlin geht es höchst lebendig zu: Rund um ein Cafe sorgt ein Verein für Ausstellungen, Patenschaften und eine neue Friedhofskultur.
Kindergartenkinder huschen zwischen den alten Baumalleen entlang. Ein Friedhof ist ein ungewohnter Ort für solch eine bunte und plärrende Bande. Doch auf dem St. Matthäus Kirchhof in Berlin-Schöneberg sind sie hochwillkommen: "Uns ist es wichtig, dass man Kinder nicht von Friedhöfen fernhält, sondern sie vertraut werden mit diesen Orten", sagt Bernd Boßmann. Vor zwei Jahren gründete er den Verein Efeu - das steht für Erhalten, Fördern, Entwickeln und Unterstützen.

Auf einer kreisrunden Bank nehmen die Kleinen Platz. "Wir haben eine Lokomotive auf einem Grab gesehen", sagt eines der Kinder. Die Kindergräber haben sie im "Garten der Sternenkinder" entdeckt. Efeu hat diesen abgegrenzten Teil des Friedhofs eingerichtet. Kinder, die unmittelbar vor oder nach der Geburt gestorben sind, können hier beerdigt werden. Die Kindergartengruppe weiß, jeder Grabstein erzählt von dem Leben eines Menschen.
"Viele meinen, Kinder könnten das noch nicht verarbeiten, man solle sie besser davor schützen. Aber sie sind von sich aus sehr interessiert und neugierig", so Boßmann. Für den Sommer plant der Verein Märchenlesungen. Das passt, denn auf dem mehr als 150 Jahre alten St. Matthäus-Friedhof liegen die Gebrüder Grimm begraben. Doch der Förderverein Efeu kümmert sich nicht nur um die kleinen Besucher. Im friedhofseigenen Cafe, dem ersten in Deutschland, trifft sich eine Selbsthilfegruppe verwaister Eltern. Ein Ort, der ihnen hilft, ihre Trauer zu verarbeiten.


Bernd Boßmann und seine Freunde, wie Ludger Wekenborg, sind schon an mehr als zwanzig Jahre auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof unterwegs. Besorgt beobachten sie den Verfall denkmalgeschützter Grabmale. Boßmann und Wekenborg haben auf diesem Friedhof ihren Freund Ovo beerdigt, wie sie ein Aidsaktivist der achtziger Jahre. Aus der Grabpflege für den Freund entstand für den Förderverein Efeu e.V. Rund 60 Leute machen mit, die einen geben Geld, die andern gestalten den Friedhof.
"Alle, die dazukommen, begreifen den Friedhof auch als Lebensort", sagt Ludger Wekenborg. Neben Lesungen und Ausstellungen bietet Efeu auch schwule oder poetische Rundgänge an oder Führungen zur Geschichte und Vegetation des Friedhofs. Noch vor der Gründung des Vereins hatten sie die Idee für das Friedhofscafé. In den früheren Büroräumen der Friedhofsverwaltung ist das Finovo - ein Wortspiel aus Ende und Anfang - untergebracht. "Durch das Café hat gibt es die Möglichkeit, sich mal aufzuwärmen und mit Menschen zu reden", so Wekenborg.


Ein Besuch des Cafés gehört für Christine Roloff zu jedem Spaziergang auf dem denkmalgeschützten Friedhof dazu. Für viele historische Grabmale werden Paten gesucht. Seit kurzem hat sie selbst eine Grabpatenschaft: Mit einer Gruppe von acht Freundinnen und Freunden wird sie sich um die Grabstätte Stern kümmern, um den Erhalt des Grabsteins und die gärtnerische Pflege. Eines Tages wird auch sie hier beerdigt werden. "Es gibt Menschen, die das lieber verdrängen. Dazu gehören wir nicht. Wir haben damit den Tod auf eine unglaublich schöne Art in unser Leben geholt", sagt die Grabpatin.
Die Kindergartenkinder haben im Café inzwischen bei einer Tasse Kakao ihre Eindrücke zu Bildern verarbeitet. Ganz ungezwungen gehen sie mit dem Thema Tod um. Vielleicht der beste Beweis für Boßmanns Devise: "Der Friedhof lebt".