Beate und Ramona sind Mitte 40 und seit etwa 15 Jahren an Psychosen erkrankt: Ab und zu "hören sie fremde Stimmen". Doch beide können selbstständig leben, aber mit Medikamenten. Die beiden Frauen haben sich über ihre Krankheit kennengelernt und helfen sich gegenseitig, ihren Alltag zu strukturieren.
Kennengelernt haben sich Beate und Ramona vor sieben Jahren in einem "Treffpunkt für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung" in Berlin. Damals waren beide völlig am Boden: Beate kam gerade aus der Klinik, Ramona fühlte sich einsam mit ihrer Krankheit.
Anfangs haben sie sich bei einfachen Dingen im Alltag geholfen, sind etwa gemeinsam einkaufen gegangen. Dabei haben sie sich gegenseitig immer mehr von einander erzählt und bemerkt, wie gut sie einander verstehen. "Heute ist Beate für mich einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben", betont Ramona. "Wenn ich Probleme habe, dann melde ich mich immer bei ihr. Und umgekehrt genauso." "Wir sehen uns täglich und telefonieren abends miteinander", ergänzt Beate.

Das gibt Sicherheit, auch für die Momente, wenn sich die Krankheit wieder meldet. Ramona wird manchmal von Visionen heimgesucht oder hört Stimmen. "Das macht einem Angst, wenn man Stimmen hört, die einem was befehlen, was man selber gar nicht machen möchte. Oder die einen beschimpfen oder versuchen, einem weh zu tun."
Sie nimmt zwar starke Medikamente, damit so etwas selten geschieht, aber wenn es passiert, fühlt sie sich sehr allein. "Man muss da versuchen, gegenzusteuern, sich sagen, dass das nicht wahr ist, dass das nicht die Realität ist. Das ist das einzige, was man machen kann." Dann hilft ihr ein Gespräch mit Beate, mit einem Menschen also, der im Gegensatz zu vielen anderen weiß, wovon sie redet. "Man ist nicht mehr man selbst in so einer Situation", erzählt Beate, "man hat ja auch einen ganz anderen Blickwinkel, nicht in der Realität zu stehen."

Trotz ihrer Krankheit haben Beate und Ramona viel Spaß in ihrem Leben. Den organisieren sie sich mit bescheidenen Mitteln. "Dafür hat man ja Freunde, die genauso drauf sind", sagt Ramona. Einmal im Monat gehen sie mit Bekannten Bowlen. Im vergangenen Sommer sind sie zum ersten Mal gemeinsam ohne Begleitung in Urlaub gefahren, nach Bayern in Beates alte Heimat.
Beide hatten vor der Reise ein bisschen Bammel, aber keine wollte die andere versetzen. "Es ist was völlig ungewöhnliches gewesen", erinnert sich Ramona, "ich habe das noch nie gemacht, alleine zu verreisen." "Dann haste ja auch Ängste gehabt, wie nimmt dich meine Familie auf und dass du kein Bayerisch verstehst", fügt Beate lachend hinzu, "hast aber alles gut verstanden."

Neben ihrer Freundschaft ist Ramona und Beate wichtig, ihrem Alltag eine Struktur zu geben. Deshalb essen sie häufig gemeinsam. Und deshalb haben sich beide wieder eine Arbeit gesucht. Beate räumt in der Cafeteria eines Krankenhauses die Tische ab oder wäscht und bügelt die Arbeitskleidung der Angestellten. "Ich brauche eine Beschäftigung und eine Aufgabe. Ich habe früher immer den ganzen Tag gearbeitet und will jetzt auch mit meiner Erkrankung wieder arbeiten." Weniger als zwei Euro bekommt sie pro Stunde, aber sie geht gerne dreimal die Woche zu ihrem Job, denn sie will unter Leute kommen. Genauso geht es Ramona, die in einer Werkstatt Schmuck bastelt.
Länger als einen halben Tag können sie aber nicht arbeiten, starke Psychopharmaka haben auch starke Nebenwirkungen. Ramona geht deshalb regelmäßig in eine Sozialsprechstunde, die die Berliner Caritas gemeinsam mit Ärzten und Heilpraktikern des Zentrums für Chinesische Medizin eingerichtet hat. Dort erhält sie eine Akupunktur-Behandlung. Ramona macht hier die Erfahrung, dass sie nicht verrückt ist, sondern krank. So wie viele andere Menschen auch. Und dass man ihre Krankheit behandeln und lindern kann. So wie viele andere Krankheiten auch. "Ich bin vielleicht nervlich ein bisschen beeinträchtigt, aber verrückt bin ich nicht."