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10. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
"Lange Tafel" in Berlin. Quelle: ZDF
Dieses Jahr zum sechsten Mal in Berlin: Die "Lange Tafel"

Schwerpunkt

Tischgespräche

Eine Tafel, zwei Generationen - und viel zu erzählen

von Michael Dudenhöffer

Gespräche zwischen den Generationen in Gang zu setzen und Alt und Jung an einen Tisch zu bringen, das ist das Ziel der Initiative "Lange Tafel" in Berlin. Die Dramaturgin Isabella Mamatis organisiert solche Gespräche seit vier Jahren.

 
 
 
 

Manche Kinder und Jugendliche, die heute in Berlin aufwachsen, kennen keine Landesgrenzen mehr. Viele wissen nicht, wie es war, als die Mauer Familien, Freunde, ja ein ganzes Land trennte. Vielleicht kennen sie politische Zusammenhänge aus dem Geschichtsunterricht, dem Fernsehen oder aus Museen, die sich die Erinnerung an diese Zeit zur Aufgabe gemacht haben. Doch kann ein Museum einer 15-jährigen Schülerin aus Berlin-Neukölln erklären, wie es wäre, wenn sie eine Freundin in Treptow plötzlich nicht mehr besuchen könnte, weil da nun eine Mauer steht? Wie war es, als auf der anderen Straßenseite alle Fenster zugemauert waren?

Isabella Mamatis. Quelle: ZDF
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Isabella Mamatis organisiert Gespräche zwischen Jung und Alt.

Schüler schreiben Geschichte

Die Dramaturgin Isabella Mamatis, Tochter griechischer Einwanderer, kennt diesen Dialog zwischen den Generationen sehr gut. In der Heimat ihres Vaters waren Gespräche zwischen Jung und Alt eine Selbstverständlichkeit und gehörten zum dörflichen Ritual. Auch in Deutschland möchte Mamatis diese Tradition etablieren. Mit ihrem Verein "Lange Tafel e.V." mobilisiert sie ganze Stadtteile, wenn sie zusammen mit den örtlichen Schulen auf die Straße geht und Schüler in der Nachbarschaft nach Zeitzeugen suchen lässt. Über 300 Schüler werden zu Chronisten ihrer Stadt: In Workshops werden zunächst Fragen entworfen, in Altenheimen, auf der Straße oder im Erzählcafé finden anschließend die Interviews statt. Der Verein engagiert sich in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

 

Nicht nur die Vergangenheit hat Mamatis im Sinn, durch die Tafel soll auch das Zusammenleben von Alt und Jung in den Städten verbessert werden. Es müssen nicht immer Geschichten über Krieg, Vertreibung oder die Mauer sein. Auch ganz normale Gespräche über Familie, Sport, Musik oder Kochen können entstehen. Die Jungen sollen die Alten besser verstehen - und umgekehrt. Wenn ein türkisch stämmiger Schüler sich mit dem alteingesessenen Berliner Kiosk-Besitzer unterhält, ist das auch eine Form von Integration - für beide. Der Austausch von Jung und Alt soll das Leben im Kiez entspannter und freundlicher gestalten.

 

Infobox

Gast im Studio: Alexandra Vacano spricht mit Isabella Mamatis, Initiatorin: Lange Tafel e.V. Berlin, Dramaturgin und Regisseurin

Eine Schülerin befragt einen Mann auf der Straße. Quelle: ZDF
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Eine Schülerin interviewt einen Anwohner.

Dialog der Generationen

Seit 1994 wächst in Deutschland die Zahl der Projekte und Initiativen, die sich der Generationenfrage annehmen. Von Mehrgenerationenhäusern über Patenschaftsmodelle bis hin zu schulischen Projekten gibt es viele Möglichkeiten, Alt und Jung zusammen zu bringen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend koordiniert diese Initiativen seit 1997 mit Hilfe eines Projektbüros in Berlin und bietet Möglichkeiten zur Information und Fortbildung.

 

Mittlerweile investieren auch Städte und Gemeinden in die Entwicklung und Förderung von integrativen Einrichtungen. Durch das Potenzial dieser Netzwerke soll ein gesellschaftlicher Mehrwert entstehen und einer Entsolidarisierung der Gesellschaft entgegengewirkt werden.

Eine alte Frau im Rollstuhl im Gespräch mit einem Jugendlichen. Quelle: ZDF
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Verständigung zwischen den Generationen.

Eine neue Lebensqualität

Während sich in Berlin die Chroniken füllen, denkt Isabella Mamatis schon über den Kiez und die Stadt hinaus: Regionen, Länder und Kontinente sollen Orte der Verständigung zwischen Schülern und Senioren werden, so ihre Vision. Das einfache Konzept und die unglaublich effektive Wirkung der "Langen Tafel" sollen das bewirken. Eine professionelle Organisationszentrale muss dafür geschaffen und zuverlässige Sponsoren gefunden werden.

 

Die "Lange Tafel" in Berlin findet dieses Jahr zum sechsten Mal statt. Die Tische und Bänke folgen dem Verlauf der aus dem Stadtbild verschwundenen Mauer. Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße. An den Tischen sitzen Schüler, Anwohner und viele Neugierige, die zuhören oder erzählen wollen. Sie beginnen, sich für einander zu interessieren und hören sich zu. Die Geschichten und Anekdoten, die die Schüler aufgezeichnet haben, werden entlang der Tafel aufgehängt. Durch die "Lange Tafel" werden Barrieren zwischen den Generationen abgebaut und gegenseitige Akzeptanz geschaffen. So entsteht ein neues Lebensgefühl.

 
 
 
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